Kärntnerin lag 7 Tage im Koma: Tampon führte zum toxischen Schock

15.03.2019

Zwei berührende Fälle haben in jüngster Vergangenheit die mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Seitdem ist das Toxische Schocksyndrom - kurz TSS - in aller Munde. Aber gibt es TSS auch bei uns in Kärnten? Ich habe mich mit einer Frau getroffen, die nur knapp dem Tode entgangen ist.

2015 verstarb ein britisches 13-jähriges Mädchen in Folge eines toxischen Schocksyndroms. Modell und Sportlerin Lauren Wasser überlebte TSS nur knapp, musste sich jedoch beide Beine infolge eines Wundbrandes amputieren lassen. Beide Fälle schockieren uns zwar für kurze Zeit, werden dann aber als seltene Ausnahmen abgetan. Doch wenn solch Tragödien quasi vor der eigenen Haustüre passieren, ist unsere Anteilnahme größer.

Viktoria* (daheim im Bezirk Feldkirchen) hat mir ihre bewegende Geschichte erzählt und möchte damit auf die Gefährlichkeit von TSS aufmerksam machen.

Warum möchtest du deine Erfahrung mit TSS öffentlich erzählen?

TSS klingt immer so unwahrscheinlich (ist es in Relation zu anderen Erkrankungen ja auch) und so weit weg - ich denke es ist gut zu wissen, dass die Medien keine erfundenen Horrorgeschichten erzählen, sondern es wirklich jede Frau betreffen kann. Nach einer Erkrankung mit TSS muss man einfach unglaubliches Glück haben, damit man aus dieser Sache so gut rauskommt wie ich. Ich finde es wichtig, dass über TSS informiert wird. Im Nachhinein betrachtet, war TSS mein persönlicher Lotto-6er.

Hast du vor deiner Erkrankung von TSS gewusst?

Ja, ich habe auf dem Beipackzettel meiner Tampons von TSS gelesen und wusste, dass ich bei hohem Fieber den Arzt darüber in Kenntnis setzen sollte, dass ich gerade meine Periode habe und Tampons verwende.

War dir die Gefahr, die von dieser Krankheit ausgeht bewusst?

Mir war klar, dass TSS gefährlich ist, welche enormen Auswirkungen TSS haben kann, war mir bis zu meiner Erkrankung nicht bewusst.

Welche Symptome hast du bemerkt als du erkranktest?

Am ersten Tag war mir übel und ich musste erbrechen. Da ging ich von einer harmlosen Viruserkrankung aus und verordnete mir Bettruhe. Bald schon bekam ich Fieber und mir wurde schwindlig. Ich musste mich zur Toilette handeln und schließlich verlor ich kurzzeitig das Bewusstsein und brach im Bad zusammen. Am zweiten Tag war ich sehr müde und verbrachte den ganzen Tag schlafend im Bett. Mein Mann rief den Arzt zu uns, der Wochenenddienst hatte. Dieser ging von einem grippalen Infekt aus - ich solle im Bett bleiben und vor allem viel trinken.

An den dritten Tag kann ich mich kaum erinnern. Mein Mann erzählte mir später davon. Ich war die meiste Zeit wie weggetreten. Sobald er versuchte, mich aufzusetzen oder mich zur Toilette zu bringen, versagte mein Kreislauf. Die Folge war, dass mein Mann an diesem Tag mehrmals die Bettwäsche wechselte, weil ich meine natürlichen Bedürfnisse nicht mehr unter Kontrolle hatte. Wenn er versuchte, mit mir zu sprechen, gab ich nur unverständliches Gestammel von mir. Er verständigte unseren Hausarzt. Der vermutete, dass ich zu wenig Flüssigkeit zu mir genommen hatte. Er ließ mich sofort ins Krankenhaus einweisen, damit ich Infusionen bekäme.

Wie war dein Krankenhausaufenthalt?

Ich erinnere mich daran, dass ich aufwachte und eine Schwester mir sagte: "Viktoria, Sie sind im Krankenhaus." Und ich dachte nur: "Das ist gut." Ich bekam etwas zu trinken und musste mich gleich wieder übergeben. Ich fühlte einige Schläuche an mir und war sehr schwach. Ich hatte Mühe, mich selbst zu drehen. Meine Körperwahrnehmung war gestört. Ich konnte nicht richtig fühlen, wo mein Körper anfing bzw. aufhörte. Ich versuchte zum Beispiel, das Gitter des Bettes zu greifen, um mich beim Drehen zu unterstützen und fasste prompt daneben.

Was hat dich am meisten schockiert?

Am dritten Tag meines Aufenthaltes war ich ziemlich verzweifelt darüber, dass ich immer noch so schwach war, dass ich so vieles nicht konnte, dass so vieles nicht "normal" funktionierte. Aufsitzen, eine Tablette mit zwei Fingern greifen, ich hatte Probleme beim Schlucken, das Essen schmeckte ganz falsch. Die Krankenschwester versuchte, mich aufzubauen. Ich solle nicht so streng mit mir selbst sein... Und dann fragte sie mich, ob ich eigentlich wüsste, dass ich schon 10 Tage hier bin! Da fing mein Hirn an zu "rattern". Mir fehlten 7 Tage meines Lebens. Die waren einfach nicht da. Ich musste diese Zeit für mich rekonstruieren. Ich habe meinen Mann befragt. Ich wollte genau wissen, was in dieser Zeit passiert ist.

Was hat Dir Dein Mann über die Zeit erzählt, an die Du keine Erinnerung hast?

Als ich ins Krankenhaus kam, versagte endgültig mein Kreislauf. Die Ärzte kämpften zwei Stunden damit, meinen Kreislauf zu stabilisieren. Schließlich wurde ich in den künstlichen Tiefschlaf versetzt: Beatmung, Ernährung über Sonde. Meine Nieren versagten und ich wurde an die Dauerdialyse angeschlossen. Ich bekam Antibiotika. Mein Körper war bald ganz "aufgeschwemmt". Man erklärte meinem Mann, dass mein Körper das Wasser wieder "loslassen" würde, wenn es mir besser ging. Innerhalb kurzer Zeit wog ich um fast 40 kg mehr! 4 Tage lang konnten die Ärzte meinem Mann nicht sagen, ob ich überleben werde!

Da die Entzündungswerte lange sehr hoch waren, stand auch eine eventuelle Entfernung meiner Gebärmutter im Raum.

Wie genau wurde TSS diagnostiziert?

Nachdem ich sofort mit starken Antibiotika behandelt wurde, konnten keine Bakterienstämme mehr nachgewiesen werden. Die Diagnose leitete sich aus meinen Symptomen ab.

Welche Maßnahmen wurden zur Heilung getroffen?

Ich bekam vor allem starke Antibiotika, leichte Schlafmittel, Medikamente für die Nieren und das Herz. Die Ärzte sagten meinem Mann, dass ich es vermutlich nur geschafft habe, weil ich noch verhältnismäßig jung bin, offensichtlich einen gesunden Lebensstil habe und noch keine dauernden Medikamente nehme bzw. auch selten Antibiotika gebraucht habe. Sonst hätten sie jetzt wohl nicht ausreichend gewirkt.

Nachdem ich aus dem Koma erwacht war, haben die Schwestern vor allem darauf geachtet, dass ich möglichst schnell wieder aktiv werde. Ich bekam Unterstützung von einer Physiotherapeutin, um Sitzen, Stehen und Gehen wieder zu lernen - meine Muskeln hatten schon in der kurzen Komazeit "vergessen", was sie zu tun hatten. Ich war lange sehr schwach. Einen Krug mit einem Liter Wasser zu halten, war anfangs nicht möglich.

Wie ging deine Familie mit deiner Erkrankung um?

Mein Mann stand mir im Krankenhaus zur Seite. Er hat sich frei genommen, um bei mir sein zu können. Unseren Kindern hat er das gesamte Ausmaß dieser schlimmen Erkrankung erspart, damit sie sich nicht unnötige Sorgen machen. Sie wussten nur, dass ich sehr krank bin und die Ärzte alles tun, damit ich bald wieder gesund werde. Meine Schwiegermutter unterstützte meinen Mann im Haushalt und mit den Kindern. Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt selbst sehr krank - sie hatte Brustkrebs. Als ich im Krankenhaus merkte, dass ich schon 10 und nicht 3 Tage hier war, dachte ich daran, dass ich ihren Geburtstag versäumt hatte. Ich traute mich erst gar nicht nach ihr zu fragen - ich hatte Angst, dass sie inzwischen gestorben sein könnte. Meine Geschwister haben natürlich um mich gebangt und teilweise weite Strecken zurückgelegt, um mich zu besuchen.

Wie lange hat deine Genesung gedauert?

Ich war insgesamt 3 Wochen im Krankenhaus und bin dann auf eigenen Wunsch nach Hause gekommen. Nach 2 Monaten war ich wieder arbeitsfähig. Meine gesamte energetische Genesung dauerte insgesamt 3 Jahre. Aber ich hatte unglaubliches Glück! Meine Nieren haben wieder normal zu arbeiten begonnen. Mein Geschmackssinn ist wieder der alte. Ich habe alle Gliedmaßen behalten!

Was hat bei dir TSS ausgelöst?

Das zu lange Tragen eines Tampons über Nacht hat die ersten Symptome der Übelkeit und des Schwindels ausgelöst. Dieses war ich noch imstande zu wechseln. Nachdem ich dann aber solche Schwindelattacken hatte und mich schlafend über die zwei weiteren Tage rettete, war es mir nicht möglich das nachfolgende Tampon zu entfernen. So verblieb es einige Tage in meinem Körper die Bakterien konnten sich so richtig schön vermehren!

Welche Vorkehrungen triffst du, damit du nicht nochmal an TSS erkrankst?

Ich benutze seither Wegwerfbinden bzw. Stoffslipeinlagen. Ich habe mir auch eine Menstruationstasse gekauft. Diese verursachte mir aber Schmerzen. Vielleicht habe ich eine Tasse, die mir nicht optimal passt. Einmal war ich kurz davor mir wieder Tampons zu kaufen, konnte mich aber nicht dazu durchringen. Ich war damals mit meinem Mann auf Thermenurlaub und hatte genau zu dieser Zeit meine Periode. Mit Binden gestaltet sich ein Wellnessurlaub als schwierig und so stand ich eine halbe Stunde in einer Drogerie vor dem Regal mit den Tampons, habe mir dann aber doch keine gekauft aus Angst wieder an TSS zu erkranken.

Was möchtest du anderen Frauen mitgeben?

Nehmt TSS nicht auf die leichte Schulter! Es kann jeden von uns treffen! Achtet darauf, dass ihr eure Hände vor dem Einführen und Entfernen der Tampons gründlich reinigt, Tampons solltet ihr nach 4-6 Stunden wechseln, benutzt nachts Binden oder steigt auf alternative Hygieneartikel wie eine Menstruationstasse um. Informiert eurer Umfeld über die Möglichkeit dieser Erkrankung. Da sie selten ist und die Symptome einer Grippe gleichen, wird sie oft nicht rechtzeitig erkannt. Wenn ihr selbst betroffen seid, könnt ihr dem Arzt wahrscheinlich nicht mehr sagen, dass ihr einen Tampon verwendet. Unterschätzt das Risiko an TSS zu erkranken nicht!


*Name geändert